Ambulante Pflege in Corona-Zeiten: „Mundschutz wird selbst genäht!“

Gastbeitrag von Hanfried Wiegel-Herlan, Sozialstation Zehlendorf (Berlin)

Ambulante Pflegedienste gehören zu denen, die in diesen pandemischen Zeiten immer noch arbeiten, während viele andere auf anderthalb Meter Abstand gehen müssen und deshalb ihren Job nicht mehr machen können. Unsere Mitarbeiter*innen gehen zu den Angehörigen einer Hochrisikogruppe, den Alten und Multimorbiden. Die Arbeit erfolgt zu großen Teilen mit Ganzkörperkontakt, z.B. beim Transfer eines Pflegebedürftigen vom Krankenbett in den Rollstuhl: Es gibt kaum eine Tätigkeit, bei der unsere Leute die notwendige Distanz einhalten können; d.h., sie arbeiten permanent  in der Gefahrenzone. Aber was wäre die Alternative? Kein Insulin spritzen, keine Wunden versorgen, kein Inkontinenzmaterial wechseln, keine Mahlzeiten zubereiten und anreichen? Dann wären unsere Patient*innen durch unsere Pflegekräfte zwar keiner Ansteckungsgefahr mehr ausgesetzt und würden mit geringerer Wahrscheinlichkeit infiziert werden und an Corona sterben, statt dessen aber an entgleistem Diabetes, Blutvergiftung, anderen Infektionen oder würden verdursten: Keine Alternative! Unsere Leute müssen also raus und riskieren, dass sie angesteckt werden oder andere anstecken.

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Gastbeitrag: „Menschen werden wegen unzureichender pflegerischer Versorgung wieder früher sterben.“

Pflegenotstand 2019

von Hanfried Wiegel-Herlan

Als ich 1983 meinen ersten Job im Bereich der ambulanten Pflege antrat, gab es das Wort vom Pflegenotstand schon: Er war aufgrund der absehbaren, demographischen Entwicklung prognostiziert worden für den Anfang des folgenden Jahrtausends. Die Prognosen haben sich bestätigt: Der Pflegenotstand ist da!

Worin zeigt sich der Pflegenotstand?

Von MitarbeiterInnen in Krankenhäusern höre ich Folgendes: Eine Kollegin kündigt, wechselt zu einer Leasing-Firma, von der sie deutlich besser bezahlt wird, und wird dann auf dieselbe Station ausgeliehen, auf der sie vorher gearbeitet hat – natürlich zu deutlich höheren Kosten für das Krankenhaus, aber immerhin ohne Qualitätsverlust: Sie kennt sich ja aus.

Der Normalfall beim Einsatz von Leasingkräften ist jedoch, dass diese überwiegend
– familienfreundlich – montags bis freitags im Frühdienst arbeiten, sich auf der Station nicht auskennen und die Aufgaben, die Hintergrund- oder Spezialwissen erfordern, dem Stammpersonal überlassen. Das geht – so höre ich – mit Qualitätseinbußen für die PatientInnen, Mehrbelastungen für das Stammpersonal und zusätzlichen Kosten für das Krankenhaus einher. – Manchmal gelingt es aber nicht, die unterbesetzten Schichten mit Leasingkräften aufzufüllen: Dann werden schon mal Betten gesperrt und auf diese Weise das Behandlungsangebot für die Versicherten reduziert.

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