Corona – und die Sache mit der Eigenverantwortung

#umdenken

Das RKI meldete heute (11.12.2020) knapp 30.000 Covid-19-Neuinfektionen und fast 600 Tote innerhalb eines Tages. Die Politik möchte bis Weihnachten warten, um danach einen komplett-Lock-Down in Kraft zu setzen. Und viele Leute in meinem Umfeld sind unzufrieden, weil sie glauben, dass dieser Schritt zu spät kommt. Und gehen dann erstmal zum Weihnachtsshopping…… 

Die Lage unserer Geschäftstelle in der Nähe einer großen Berliner Einkaufsstraße bringt es mit sich, dass ich jeden Tag sehe, wie Menschen mit der aktuellen Corona-Situation umgehen: Volle Gehwege, lange Schlangen vor den Kassen der Kaufhäuser. Buntes Treiben vor den wenigen Glühwein- und Bratwurstständen. Menschen über Menschen – von Kontaktbeschränkung und Zurückhaltung wenig zu sehen. Gleichzeitig höre ich immer wieder, dass die Menschen Politik dafür kritisieren, dass der „Lock-Down-light“ nicht früher zu  einen „richtigen“ Lock-Down verschärft wurde, dass Politik die Situation falsch eingeschätzt habe und deshalb Schuld an der dramatischen Entwicklung der Infektionszahlen sei. Ich komme ins grübeln……

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zur Diskussion: Corona vs. Selbstverantwortung – Wieviel staatliche Reglementierung brauchen wir?

Hanfried Wiegel-Herlan

Mein Freund und Kollege im Vorstand des Stadtteilzentrum Steglitz e.V. Hanfried Wiegel-Herlan schätzt offene und klare Worte und nimmt nur ungern ein Blatt vor den Mund. Als Geschäftsführer eines ambulanten Pflegedienstes im Berliner Südwesten ist der studierte Sozialarbeiter und Soziologe mit allen bekannten und weniger bekannten Problemen des Pflegesektors vertraut. In zwei Stellen hat er hierzu schon Gastbeiträge auf diesem Blog veröffentlicht. Heute fragt er in einem Beitrag provokativ: „Warum sollten wir den Menschen nicht die Freiheit zurückgeben, selbst zu entscheiden, welchen Risiken sie sich in Zusammenhang mit der Corona-Pandemie aussetzen?“   Und er bitte ausdrücklich um ein saftiges „Contra“. 

 

„Wie soll das alles weitergehen?“ fragen wir uns alle mehrmals täglich. Je länger wir die verordneten und gegenwärtig noch weitgehend akzeptierten Einschränkungen unserer Freiheiten hinnehmen, umso mehr werden die Kollateralschäden sichtbar: Mehr Menschen erkranken an Depression, die Suizidraten – so ist zu befürchten – werden steigen; Frauen müssen vor ihren Männern, die mit ihrer plötzlichen Arbeitslosigkeit nicht klarkommen, in Sicherheit gebracht werden (Warum gibt es genug Beatmungsgeräte, aber nicht genügend Refugien für malträtierte Frauen?); Kinder werden durch häusliche Gewalt für den Rest ihres Lebens traumatisiert. Die Liste ließe sich mühelos verlängern. Diese – nunmehr sichtbaren – Phänomene führen unweigerlich zu der Frage, ob das, was wir durch die Einschränkungen gewinnen, in einem angemessenen Verhältnis steht zu dem, was wir verlieren. Um es noch pointierter zu formulieren: Ist die Rettung des Lebens von ein paar Tausend Menschen die Schädigung der Lebensperspektiven oder gar des Lebens von ein paar Tausend anderer wert? Wie gewichten wir Gewinne und Verluste vor dem Hintergrund der Werte, die uns wichtig sind? Und welche Werte wiegen für uns schwerer als andere?

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