Nazis beraten?

Ein Kollege aus einer anderen Organisation fragte im Sinne kollegialer Beratung bei mir  nach, wie wir im Stadtteilzentrum eigentlich damit umgehen, wenn Nazis eine Beratung in Anspruch nehmen wollen. Im konkreten Fall ging es darum, dass eine männliche Person in die Sprechstunde kam, die anhand diverser Tätowierungen eindeutig dem rechtsextremen Spektrum zuzurechnen war. Es gab keine irgendwie gearteten Äußerungen oder „Sprüche“ dieser Person, es ging ausschließlich um den individuellen Beratungsbedarf in einer persönlichen Angelegenheit / Problematik.

Auf die Frage hatte ich keine Antwort. Zwar ist in unseren Hausordnungen klar geregelt, wie wir damit umgehen, wenn Besucher*innen oder Ratsuchende rechtsextreme, rassistische oder andere menschenfeindliche Äußerungen oder Handlungen machen – der oben beschriebene Fall ist aber bei uns (noch) nicht geregelt. 

In meiner Brust schlagen zwei Herzen: Nazis sind ekelhaft und wir wollen mit Ihnen a.) nichts zun tun haben und b.) an jeder uns möglichen Stelle gegen Rechtsextremismus und Rassismus Stellung beziehen. Klare Kante. Auf der anderen Seite haben wir einen Beratungsauftrag, der erstmal niemanden ausschließt, der andere Meinungen vertritt (und seien sie noch so ekelhaft) als wir. Und selbst Jesus (der vielen als Vorbild dient, wenn sie fragen „Was würde Jesus tun?“) soll auch seinen ärgsten Feinden und den damals Ausgegrenzten und Geächteten seine wohlwollende Aufmerksamkeit geschenkt haben. Hmmm. Eine Frage zum „drauf rumkauen“. 

Ich habe die Frage in unserem internen Kommunikationskanal mal an unsere Projekt- und Einrichtungsleitungen weitergegeben. Die Antworten waren spannend. Einige möchte ich hier auszugsweise zitieren:

Kollege (m/w/d) 1: 

„Ich würde das so handhaben – im Sinne unserer Grundrechte halte ich es für wichtig die Balance zu halten, also professionell und rechtlich korrekt beraten, andererseits die eigenen demokratischen Werte klar verteidigen.

Ich würde beraten, solange sich die Person respektvoll verhält, die Beratung aber abbrechen, wenn die Person menschenfeindliche oder rassistische Äußerungen tätigt.“

Kollege (m/w/d) 2: 

„Mein erster Impuls, auch wenn ich nicht (sozial-)beratend tätig bin, war: Die Beratung von Personen mit menschenfeindlichen Gesinnungen, wie z.B. Nazis, geht gar nicht. Sollen sie sich doch in ihren eigenen Netzwerken beraten lassen. Oder gar nicht. Mein zweiter Gedanke war: Stopp! Ist das nicht zu kurz gedacht? Zum einen: War der Kleidungsstil eindeutig? Tattoos bleiben sehr lange auf der Haut, auch wenn sich die Gesinnung möglicherweise im Laufe der Zeit verändert hat. Zum anderen: In meinem Idealismus gehe ich noch immer davon aus, dass Menschen sich durch Gespräche vom richtigen Weg überzeugen lassen könnten. Gerade wenn sie alleine, also nicht in „ihrem Rudel“ unterwegs sind, hoffe ich, dass es diese Option noch gibt. Dann bleibt natürlich die Frage, wie man das als Berater*in anstellt. Ob man sie direkt auf ihre (vermeintlich offensichtliche) Gesinnung anspricht, oder es auf anderem subtileren Weg versucht. Ob man sie zu Gesprächsgruppen zum Thema Demokratie einlädt, indem man zum Beispiel einfach einen Flyer mitgibt o.ä.“

Kollege (m/w/d) 3:

„…..super interessante Frage. Ich würde prinzipiell jedem die Möglichkeiten bieten unsere Angebote wahrzunehmen. Wie du schon sagst, haben wir unsere Hausregeln und das Leitbild fest verankert, wonach wir hoffentlich auch alle arbeiten. Um die Professionalität zu bewahren würde ich nicht direkt abblocken sondern anhören, was der Mensch (unabhängig von Vorgeschichte, ethnischen oder religiösen Hintergrund) zu sagen hat oder welche Probleme er / sie mit mir zu teilen hat. Und wie im deinem Beispiel beschrieben, kam es zu keiner verbalen Auseinandersetzung. Ganz im Gegenteil sogar. Klar ist, dass wir jedem die Chance bieten sollten sich zu äußern. In einem kleinen geschützten Rahmen. Jedoch in Anlehnung an unseren Werten des kleinen sympathischen Vereins und unseren Hausregeln. Blocken wir direkt ab und gehen in Konfrontationsmodus, so haben wir keine Chance davon auszugehen, „die Welt zu verändern“ zu können. Und das beginnt in aller Regel bei den kleinsten „Übelkeiten“.“

Kollege (m/w/d) 4:

„Eine Person mit rechtsextremen Symbolen als Tattoos und in Szenekleidung trifft eine Entscheidung und dass die Dinge so sichtbar sind, ist dann meiner Meinung nach auch gewollt, um Haltung auszudrücken. Der Nazi und ich nenne ihn jetzt von hier an mal so, hätte sich ja auch entscheiden können ein neutrales Longsleeve zu tragen, weil er zu einer Beratungsstelle geht, in der er die Leute nicht kennt. Hat er aber nicht und ich glaube das gilt auch für Leute, die Aussteiger sind oder auf dem Weg dorthin. 

Eine neonazistische Ideologie bedroht mich als Person in meiner Identität und Lebensweise und ich könnte und will das auch nicht ausblenden. Ich würde mich in der Situation unwohl, bedroht und wahrscheinlich auch wütend fühlen. Und natürlich bin ich als Beraterin in einer anderen Rolle, ich weiß aber, dass ich die Person nicht gut und sachlich beraten könnte, weil ich unbewusst/bewusst wahrscheinlich Infos weglassen würde, weil ich dem nichts Gutes gönne oder weil mein Unwohlsein die Beratung begleitet. Ich weiß auch nicht, ob sich ein Nazi so wohl mit mir fühlen würde. Meine Professionalität würde deshalb darin bestehen, die Beratung abzulehnen. Ich glaube, es ist aber super wichtig, wenn ich wirklich in einem Beratungsteam/-job arbeite eben genau dies mit Kolleg*innen zu besprechen und einen Umgang damit zu finden. Und natürlich kann ich nicht mit Sicherheit sagen, wer mir gegenüber sitzt. Die Person im schicken Anzug kann ebenfalls ein Nazi sein, es ist dann nur nicht so offensichtlich

Und einen anderen wichtigen Aspekt finde ich, zu bedenken, wer die Einrichtung, die Beratungsräume noch besucht. Sollen das sichere Räume für marginalisierte, Hilfe-suchende Menschen sein, macht es vielleicht auch was mit denen, wenn offensichtliche Nazis durch die Räume laufen. Würde ich zu einer Beratung gehen und dort in einem Wartebereich sitzen und die Person vor mir, gehört offensichtlich der rechtsextremen Szene an, würde ich mich schon fragen, ob ich dort sicher bin und ob ich der beratenden Person vertrauen kann.“

Ich finde alle Antworten sehr differenziert und man merkt, dass sich die Kolleg*innen da richtig den Kopf gemacht haben. Eine eindeutige Antwort zu finden, fällt mir trotzdem noch schwer. 

Daher würde mich Eure Sicht auf die Dinge sehr interessieren – und vielleicht habt Ihr Lust in den Kommentaren unter diesem Beitrag mal aufzuschreiben, wie Ihr das seht und / oder, wie Ihr das in Euren Projekten und Einrichtungen handhabt. Wie müsste Eurer Meinung nach eine einheitliche Linie für die Beratenden in der Organisation formuliert sein? Oder ist das gar nicht notwendig, eine solche Linie zu formulieren, da es jeweils auf die „individuellen Begleitumstände“ ankommt? 

Danke! Ich bin sehr gespannt. 

2 Gedanken zu “Nazis beraten?

  1. Jeder der im Rahmen meines Jobs zu mir kommt wird von mir nach bestem Wissen beraten egal wie die Person aussieht, was sie denkt, oder welches Alter, Geschlecht oder Nationalität sie hat.
    Das verstehe ich unter Professionalität und dafür mache ich den Job.
    Privat ist das anders: Menschen, die demokratiefeindliche und Menschenverachtende Ansichten haben können mich hundertmal bitten, dass ich denen helfe – die werden immer ein Nein bekommen. Glücklicherweise ist mein Freundeskreis weitestgehend „normal“ – die Vorliebe im TV Sendeformate wie IBES, „Villa der Versuchung“ oderähnliche Sülze zu schauen, lass ich ausnahmsweise durchgehen..

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